Wie die Benediktiner auf dem Heiligen Berg in sich gehen

Domradio.de: „Fasten“, sagt Pater Valentin Ziegler, „das ist ja mehr als Einschränkung beim Essen und Trinken oder der Verzicht auf die geliebte Zigarette.“ Mit Fasten im Sinn des heiligen Benedikt sei etwas anderes gemeint. Ein ganzes Kapitel seiner Regel habe der Ordensgründer der Fastenzeit gewidmet - von der Zurückhaltung bei Speis' und Trank ist da nur beiläufig die Rede.

Pater Valentin ist Cellerar der oberbayerischen Klosterbrauerei Andechs - ein Job, bei dem man nicht unbedingt ans Fasten denkt. Er muss dafür sorgen, dass der Laden läuft. 100.000 Hektoliter werden jährlich produziert, der Gerstensaft mundet sogar den Japanern. Ein Gutteil findet jedoch seine Liebhaber im Bräustüberl auf dem Heiligen Berg, wo es sich die Gäste bei deftiger Brotzeit und einer ordentlich gezapften Halben gut gehen lassen. Meist bleibt es nicht bei einem Glas. Das liegt nicht nur an der Qualität, sondern auch an der gemütlichen Atmosphäre, in der sich das „Andechser Gefühl“ so schön entwickeln kann.

Rein berufsmäßig hat Pater Valentin - übrigens gelernter Winzer aus der Pfalz - zum Thema Fasten also ein etwas gespanntes Verhältnis. Aber Fasten bedeutet für ihn sowieso etwas anderes als Askese. „Der Mönch muss immer schauen, dass er zur richtigen Mitte zurückkehrt“, interpretiert er die Absicht des Ordensgründers. Dem gehe es nicht darum, seine Mönche in eine Zwangsjacke aus Verzichtsvorschriften zu stecken. Vielmehr sollten Werte wieder in den Vordergrund gerückt werden wie Geduld oder Nächstenliebe.

„Im Laufe des Jahres schleift sich ja doch einiges ein an Abhängigkeiten und Automatismen“, meint der Cellerar. Um diese zu korrigieren, muss ein Benediktiner zum Aschermittwoch seinem Abt eine Fastenschedula vorlegen. Da schreibt der Mönch auf, was er sich für die nächsten 40 Tage vornimmt: Gebete, Literatur, das Gespräch mit einem Mitbruder, mit dem man nicht so recht kann, Stress vermeiden und dergleichen. Unter Umständen kann auch dabeistehen, weniger essen und trinken zu wollen.

Damit sich der Ordensmann nicht zu viel oder zu wenig abverlangt, muss der Abt diese Richtschnur genehmigen. „Wenn einer rappeldürr ist, wird es keinen Sinn machen, wenn er radikal aufs Essen verzichtet“, nennt Pater Valentin ein Beispiel. Dass einer aus der Fastenzeit als ein total veränderter Mensch herauskommt, ist sowieso unwahrscheinlich. Eher geht es darum, sein Leben neu auszurichten.

Um das rechte Maß geht es dem Brauereichef auch beim Umgang der Besucher des Bräustüberls mit dem Bier. Das gilt vor allem für die beiden berühmten „Böcke“, den hellen und den dunklen, die es in puncto Stammwürze und Alkohol in sich haben. Der Heilige Berg ist eine der ältesten Wallfahrten in Bayern - und die richtige Zuordnung von Leib und Seele, von geistlicher und weltlicher Speise, gehörten hierzulande schon immer zusammen.

Die beiden Bockbiere sind keine herkömmlichen Fastenbiere wie etwa der „Salvator“ vom Münchner Nockherberg, der auf die dort ehemals ansässigen Paulanermönche zurückgeht. Für die war ihr Gebräu Ersatz für die feste Speise während der Fastenzeit. Gilt doch die Regel: Flüssiges bricht das Fasten nicht. Die Paulaner mussten nämlich, anders als die Benediktiner, wirklich streng fasten - doch von irgendwas muss eben auch ein Mönch leben.

Übrigens: Auch der Cellerar muss dem Abt seine Fastenvorsätze vorlegen. Und wie schauen die aus? Pater Valentin verweist noch einmal auf das Spannungsverhältnis inmitten seiner Aufgaben als Mönch, Manager und Seelsorger - ist er doch auch Pfarrer von Andechs, Erling und Machtlfing: „Da muss man schon aufpassen, dass man sich nicht verausgabt und nur von einem zum anderen rennt. Und medial verramschen darf man sich auch nicht lassen.“

(Hans-Georg Becker / kna)
Quelle: www.domradio.de/fastenimpuls/artikel_50846.html