Der Präsident des Sächsischen Oberbergamtes Prof. Reinhard Schmidt sagt: "Es ist eigentlich zum Verzweifeln. Wir unternehmen ständig enorm teure Anstrengungen, um die Ohren zu schonen, aber dann gehen die Leute nach Hause und ballern sich selbstzerstörerisch mit Lärm voll. Manchmal verliert man wirklich die Lust am Fortschritt, denn der wird immer wieder von der Unvernunft zunichtegemacht."

Wir werden permanent beschallt, allerdings nicht nur mit Musik in angemessener Lautstärke und nicht nur dann, wenn wir es wünschen oder es uns guttut.

Die Musikindustrie weiß, was sie tut: Musik ist milchsteigernd bei den Kühen, tempo- und leistungssteigernd beim Arbeiten, entspannend bei der Massage. Schon immer wussten die Magier, Schamanen, Priester, Ärzte und Politiker von der uralten Zauberkraft der Musik, die das Unbewusste und die Beine zum Schwingen oder Marschieren bringt.

Ganz nebenbei ist uns die Stille abhandengekommen. Freizeit bedeutet oftmals zugleich: Lärm machen. Die Wahrnehmung von Lautstärke hat sich vor allem bei jungen Leuten verändert. Viele hören Musik fast an der Schmerzgrenze.

Den Steuerzahler kostet es Milliarden, die Lärmbegrenzung niedrig zu halten. Flugzeuge und Autos werden geräuschärmer, im Straßenbau und vielen Branchen wie im Bergbau, bei den Fluglotsen und in Fabriken werden Millionen investiert, um Schall zu dämpfen. Rund 25 Prozent aller Bundesbürger fühlen sich vom Lärm beeinträchtigt, denn Lärm macht krank, bis hin zum Herzinfarkt.

Doch die vielen anderen? Hinter teuren Schallschutzwänden an Autobahnen und Zugtrassen dröhnt man sich per Kopfhörer oder in der Disko die Ohren voll. 25 Prozent der Jugendlichen haben Hörschäden - in erster Linie selbst produzierte, unheilbare, die sie auf Dauer von anderen Menschen isolieren, die ihre Schulleistungen minimieren und Depressionen hervorrufen können.

Es herrscht eine Sucht nach Beschallung, dazu nach ständigem Plappern am Handy. Sie entspringt dem narzisstischen Bedürfnis nach permanenter Spiegelung. Sie hat etwas Selbstzerstörerisches. Diese Sucht lässt den Rest der Gesellschaft nicht unberührt.

Stille ist ein Luxusgut geworden. Die gesellschaftliche Bedeutung einer Person lässt sich mittlerweile daran ablesen, dass sie kein Handy parat hat. Es gibt Klosteraufenthalte, Schweigewanderungen, teure Hotels und Restaurants, in denen die Gäste ihre Telefone wegschließen lassen können. Man wirbt mit ruhigen Zimmern ohne TV- oder Internetanschluss, mit handyfreien Flügen.

Dieser neue Luxus ist sehr kostspielig. Dabei verknüpft er Stille nur wieder mit dem, was ihre Bedeutung einst ausmachte: Lebendigkeit, Sinnhaftigkeit und Muße. Das alles könnten wir billiger haben: mit ein wenig mehr Vernunft.

Astrid v. Friesen, Jahrgang 1953, ist Erziehungswissenschaftlerin, Journalistin und Autorin sowie Gestalt- und Traumatherapeutin in Dresden und Freiberg. Sie unterrichtet an der TU Bergakademie Freiberg und macht Lehrerfortbildung. Zwei ihrer letzten Bücher: "Der lange Abschied. Psychische Spätfolgen für die 2. Generation deutscher Vertriebener" (Psychosozialverlag 2000) sowie "Von Aggression bis Zärtlichkeit. Das Erziehungslexikon" (Kösel-Verlag 2003). Zuletzt erschien "Schuld sind immer die anderen! Die Nachwehen des Feminismus: frustrierte Frauen und schweigende Männer" (Verlag Ellert & Richter 2006).

Quelle: www.dradio.de