Was früher ein religiöses Ritual war, ist heute schlicht Wellness für Körper und Seele - Abnehmen ist nicht unbedingt das Ziel

Bad Pyrmont - Eigentlich ist Hungern gegen die Natur des Menschen. Essen und Trinken sind unverzichtbar wie Schlaf und Atmen. Aber Fasten soll kein Hungern sein, sondern dem Körper die Chance geben, zur Ruhe zu kommen und neue Kraft zu schöpfen. Wie neugeboren durch Fasten? "Die Generation 30+ entdeckt das Fasten für sich", sagt Andreas Buchinger. "Diese Jüngeren, die zu uns kommen, haben ein enorm hohes Gesundheitsbewusstsein." Der Internist ist ärztlicher Leiter der ältesten Heilfastenklinik Deutschlands in Bad Pyrmont. Otto Buchinger, sein Großvater, gründete diese 1920 in Witzenhausen, nachdem dank des Fastens sein Gelenkrheuma verschwand. Heute wissen Mediziner, dass Großvater Buchingers Linderung mit einer erhöhter Cortisolausschüttung beim Fasten zusammenhing. Das kann zudem auch Allergien lindern.

Bis heute ist das Heilfasten nach Buchinger eines der gängigen Fastenverfahren. Doch egal, für welche Art man sich entscheidet: Am Anfang steht immer die Darmentleerung, eingeleitet von einem abführenden Mittel. Es folgen Tage bis wenige Wochen, in denen vorwiegend Flüssiges in Form von Gemüsebrühen und Säften die einzige Nährstoffzufuhr ist. Beendet wird die Fastenzeit nach spätestens vier Wochen mit leichter Aufbaukost. Bei Buchinger beginnt sie mit einem Apfel.

Wer mehrere Tage fastet, braucht nicht nur Gesundheitsbewusstsein, sondern auch eine stabile Gesundheit. Fasten zieht ein Nährstoffdefizit nach sich - egal, ob die Essenseinschränkung freiwillig oder unter dem Druck tatsächlichen Nahrungsmangels geschieht. Die Kalorien kommen nicht wie gewohnt aus Butterbrot und Currywurst, sondern müssen aus den körpereigenen Depots mobilisiert werden.

Das setzt den Stoffwechsel unter Stress. Die Nebennierenrinden produzieren vermehrt Cortisol. Dieses Stresshormon setzt eine Kaskade an Prozessen in Gang, die dazu führen, dass die Fettreserven als Kraftquelle mobilisiert werden. Zwar schmelzen die Rettungsringe der Hüften und Taillen als Erstes dahin, doch gefürchtet ist die Eigenschaft des Cortisols, auch den Abbau von Muskeln zu begünstigen. Um dem entgegenzuwirken, werden Fastenkuren in Kombination mit sportlicher Betätigung, oft auch als Fastenwanderungen angeboten.

Trotz physiologischen Stresses kann fast jeder fasten, Ausnahmen sind Kinder, Jugendliche, Schwangere, Stillende und Menschen mit auszehrenden Erkrankungen. Bei Essstörungen und psychischen Krankheiten sollte ebenfalls verzichtet werden. Wer zum ersten Mal fastet, sollte sich einer erfahrenen Fastenleitung anvertrauen. Kritisch ist weniger das Fasten selbst, sondern mehr die durch abführende Mittel eingeleitete Darmleerung und der anschließende Kostaufbau. Man sollte sich eine ruhige Zeit gönnen, die Psyche reagiert in der Regel empfindlicher als im normalen Alltag. Zur Stabilisierung (auch bei möglichem Blutdruckabfall) hilft viel Bewegung an frischer Luft.

Beim Fasten wird Fettgewebe abgebaut - und eingelagerte Schadstoffe gleich mit. Das fordert Leber und Nieren heraus, die man deshalb mit Ruhe und Wärme verwöhnen sollte, die Nieren zudem mit täglich zwei bis drei Liter Kräutertee oder warmem Wasser.

"Fasten ist aber nicht zum Abnehmen da", entgegnet Andreas Buchinger auf die Frage, ob mit Fasten überflüssigen Pfunden erfolgreich zu Leibe gerückt werden kann, "sondern beim Fasten soll das Gestrüpp der Diätratgeber gelichtet und ausgemistet werden, sodass sich ein intelligentes Essverhalten entwickeln kann." Trotzdem erleben Fastende, dass diese Art der Kalorienrestriktion viel einfacher durchzuhalten ist als die Vielzahl der angebotenen Reduktionsdiäten. Spätestens wenn das Hungergefühl nach zwei bis vier Tagen schwindet, werden die Sinne wach, die Laune steigt, und der verordnete Spaziergang ist nicht Last, sondern Lust. Da setzen sich die Gene unserer Urahnen durch. Hungerperioden, denen diese ausgeliefert waren, konnten nur jene überleben, die sich auf den Weg zu neuen Nahrungsquellen machten. Wer hocken blieb, verhungerte. Außerdem schüttet das Gehirn vermehrt Endorphine aus, jene Botenstoffe, die Gelassenheit und eine euphorisierte Grundstimmung auslösen und bis hin zu intensivem "High"-Gefühl mit transzendenten Erfahrungen führen können.

Diesen Effekt des Fastens nutzen Menschen aller Religionen und Kulturen seit Jahrtausenden für eine Vertiefung ihrer spirituellen Erlebnisse. Visionen von den Tiefen des Seins, den Weiten des Universums oder Blicke ins Jenseits öffnen sich spirituell Fastenden immer wieder. Die Mysterien der Antike sind ebenso wie die Entrückungsgeschichten der Bibel meist an Fastenzeiten gebunden.

Wissenschaftler des 21. Jahrhunderts haben zwiespältige Erfahrungen gemacht. Einerseits fehlen handfeste Belege für eine Wirksamkeit speziell des Heilfastens auf physiologischer Ebene - die subjektiven Empfindungen sind deshalb vorrangig. Andererseits wissen Biologen, dass Bakterien, Fadenwürmer, Fliegen und auch differenziertere Arten wie Ratten oder Rhesus-Affen länger leben, wenn sie regelmäßig zu wenig futtern oder wiederholt Fastenzeiten erfahren. Forscher fanden unter anderem heraus, dass das Zellerneuerungssystem von Ratten länger aktiv bleibt, wenn die Tiere niederkalorisch ernährt werden, ohne dabei unterernährt zu sein.

Oder sie entdeckten, dass die gesunden Zellen von Fruchtfliegen sich vermehrt von schwachen und entarteten Zellbestandteilen ernähren, wenn Schmalhans Küchenmeister ist. Die Alterserwartung dieser Fliegen ist höher als die der Wohlgenährten. Bei Zellverbänden menschlicher Organe im Reagenzglas wurde Ähnliches beobachtet. "Das ist erst der Anfang bahnbrechender Erkenntnisse zur Heilkraft des Hungerns", hofft der Naturwissenschaftler in Buchinger. In vierter Generation der Familie wird seine Tochter das Heilfasten ebenfalls ärztlich begleiten.

Heilfasten als Jungbrunnen für jedermann? Innerlich fühlt sich so mancher nach dem Fasten verjüngt, auch wenn er älter aussieht. Der unvermeidliche Gewichtsverlust wirft Falten. Bevölkerungsstudien zeigen indes, dass Hungern für die schlanke Linie kein Garant für Gesundheit ist. Im Gegenteil: Die größte Chance, gesund alt zu werden, haben alle, die im späteren Leben fünf bis zehn Kilo zulegen. Man kann also auch ohne Fasten gesund alt werden. Wer sich jedoch nach einer Auszeit vom übervollen Alltag sehnt, kann diese durchaus mit moderatem Fasten gestalten.

Hildegard von Bingen, Mystikerin und Heilerin im Mittelalter, appellierte an die Wahrnehmung der eigenen Verantwortung und warnte vor Exzessen aller Art: "Die Seele liebt in allen Dingen das rechte Maß. Wann auch immer der Körper des Menschen ohne dieses rechte Maß isst, trinkt oder etwas anderes dieser Art verrichtet, werden die Kräfte der Seele verletzt."

Autor: Brigitte Neumann Quelle: Welt.de