Überlingen – Inmitten des Überflusses erlebt das Fasten in der westlichen Welt eine Renaissance. Dabei geht es vielen aber nicht nur um die Verringerung der Wohlstandsbäuche, sondern auch um die spirituelle Dimension.

Françoise Wilhelmi de Toledo, ärztliche Leiterin der Kliniken Buchinger, war gerade auf einer Fasten-Tagung im französischen Saint-Etienne, die zwei Bischöfe und über 700 Besucher anzog.
Wilhelmi de Toledo ist seit Jahren eine gefragte Expertin. „Heute freut man sich aufs Fasten“, beobachtet sie auch in der Überlinger Buchinger-Klinik. Bei den Patienten hat man bis dato 72 Nationalitäten gezählt. Gerade hat Wilhelmi de Toledo mit Buchinger-Chefkoch Hubert Hohler ein neues Buch veröffentlicht, mit vielen Rezepten fürs Heilfasten zuhause.

Der Verlag drängte darauf, dass Wilhelmi de Toledo in persona durch den Leitfaden führt. Der ebenso liebenswürdigen wie zurückhaltenden Ärztin war das erst nicht recht: „Wir sind hier ein Team.“ Doch aus Sicht des Verlags ist der Wunsch verständlich:
Kaum jemand könnte das Ideal des Heilfastens attraktiver und glaubwürdiger verkörpern. Sie selbst fastete mit 17 Jahren zum ersten Mal und tut dies seither zweimal jährlich. In der Überlinger Klinik lernte sie nicht nur ihren späteren Mann Raimund Wilhelmi, sondern auch die Buchinger-Methode kennen und lieben. Sie beruft sich oft auf Fasten-Pionier Otto Buchinger, mit dem sie zwei Dinge gemeinsam hat: die Verankerung in der medizinisch-wissenschaftlichen Grundlage und die Spiritualität. Sie ist tief in der katholischen Tradition verwurzelt.

Durch Fasten eröffneten sich „andere Quellen des Genusses“: Seelennahrung statt Leibspeise. Doch Wilhelmi de Toledo stellt klar, dass freiwilliges Fasten nicht Hungern ist. Und sie betont auch, dass der schlichte Wunsch nach Gewichtsabnahme etwas Legitimes sei, zumal Übergewicht einen gesundheitlichen Risikofaktor darstelle. Fasten könne aber ebenfalls etwa bei entzündlichen Krankheiten und Allergien erfolgreich als Therapie eingesetzt werden.

Darüber hinaus ist Fasten laut Wilhelmi de Toledo aber auch die „Eingangstür“ in eine andere Welt, eine „Reise ins Inland. Man entdeckt andere Quellen des Genusses.“ Diese Seelennahrung besteht laut Otto Buchinger aus neun Elementen: eine erfüllende Arbeit, Lesen, gute Begleiter, Natur, Musik, Bildkunstbetrachtung, Humor, Ehrenamt, Meditation. Schon aus dieser Liste wird deutlich, dass Fasten nach Buchinger auch eine spirituell-religiöse sowie eine mitmenschlich-soziale Dimension besitzt. Das entspricht vielen religiösen Traditionen, in denen Fasten immer mit „Beten“ und „Almosengeben“ verbunden ist.

„Fasten macht sehend“, sagt Wilhelmi de Toledo. Es öffne auch die Augen für andere. Man könne diese Zeit nutzen, um „blockierte Beziehungen“ zu verbessern, etwa indem man der Person, mit der man Probleme habe, einen Brief schreibt, „den man nicht abschicken muss“. In vielen Religionen faste man in Konfliktsituationen, bis sich eine Lösung abzeichne. „Man wird auf eine existentielle Gleichheit zurückgeführt.“ Das erleichtere es, mitzufühlen, auf andere zuzugehen. Übrigens hätten normalgewichtige, gesunde Menschen Körperreserven für 40 enthaltsame Tage, genau die Spanne, die Jesus fastend in der Wüste verbrachte und die das Vorbild für die christliche Fastenzeit ist.

So gelöst man Wilhelmi de Toledo kennt: Ein paar Dinge ärgern sie schon, etwa: „Ich mag es nicht, wenn ich esse und soll übers Fasten erzählen.“ Mit Grauen erinnert sie sich an ein Diner in Frankreich, als Gesprächspartner sie bei Gänsestopfleber ausfragten und sich köstlich über Einläufe amüsierten. Und es irritiert sie, wenn Gegner mäkeln, Fasten verursache nur Stress. „Stress ist der Stimulus zum Umstellen, nach der Umstellung gehen die Stresshormone wieder zurück.“ Außerdem: „Fasten ist ein physiologisches Programm, das mit dem Leben zusammenhängt.“ Früher habe es im Jahreszyklus natürliche Phasen des Überflusses und des Mangels gegeben. „Das menschliche System ist an diese Pausen gewöhnt.“

Hinter der Kritik vermutet sie etwas anderes: „Mit Naturheilverfahren generieren Sie keinen Markt.“ Dabei könnten die Gesundheitskosten durch medizinisch verantwortungsvolles Fasten beträchtlich gesenkt werden. „Man sollte das Interesse fürs Fasten wohlwollend betrachten.“


Quelle: www.suedkurier.de Autor: Sylvia Floetemeyer