Die Speisegesetze der Weltreligionen bewegen sich zwischen sakralen Riten und profaner Kulinarik.

Was darf, was soll, was muss gegessen werden? Die Religion hat großen Einfluss auf das Speisenangebot.

  • Das Essen als eine Grundlage der Religionen.
  • Speisengebote pendeln zwischen kulinarischer Exotik und Ritual.
  • Himmlische Rezepte als Basis für gegenseitiges Verständnis.

GoetterspeisenWien. Mitte dieser Woche hat der marokkanische Minister für religiöse Angelegenheiten und den islamischen Kalender nach langen Berechnungen des Mondes bekanntgegeben, dass das diesjährige Opferfest am 17. November stattfinden wird. Das höchste Fest im Islam wird traditionell auf dem Höhepunkt der Hadsch, der Wallfahrt nach Mekka, gefeiert und dauert vier Tage. Es soll an den Befehl Gottes an Ibrahim (Abraham), seinen Sohn Ismael (Isaak) zu opfern, erinnern, um seinen Glauben zu erproben.

Der Sohn entgeht diesem Schicksal, ein Widder, der an seiner statt geschlachtet wird, nicht. Seit der Zeit sollen alle Muslime an diesem Tag ein Tier opfern und das Fleisch soll gemeinsam mit Verwandten, Freunden, aber auch Bedürftigen geteilt und gegessen werden. Daher ist es nicht verwunderlich, dass es in Marokko nach dieser eher kurzfristigen Ankündigung in den Tagen vor diesem Fest turbulent zugeht: Jeder versucht noch ein Opferschaf zu erstehen und für die darauffolgenden freien Tage werden entweder Kurzurlaube eingeplant oder man versucht doch noch nach Mekka zu kommen.

Diese hektischen Tage nehmen nicht nur Einfluss auf den lokalen Viehmarkt, sondern auch auf das kulinarische Angebot der nächstwöchigen Hochzeitsfeier einer Journalistin aus Wien: Dem Caterer sind alle Mitarbeiter weggelaufen und die Köchin sitzt im Bus nach Mekka. Zurzeit sieht es nahrungstechnisch nicht himmlisch aus.

Karpfen, Koteletts, al-kuhl
"Denn im Gegensatz zu anderen Religionen gibt es im Islam kaum religiöse Feste, die mit bestimmten Speisen verbunden sind", erklärt die Religionswissenschafterin Katja Sindemann diese Hektik. Die Autorin beschreibt in ihrem Buch "Götterspeisen" die kulinarischen Seiten der Weltreligionen – Judentum, Christentum, Islam, Hinduismus und Buddhismus. In diesem Buch geht sie zum einen auf die (religions-)geschichtliche Entwicklung und Bedeutung einzelner Speisen ein, zum anderen macht sie die jeweiligen kulinarischen Verbindungen zwischen den Religionen transparent.
Das Essen und die Speisen stehen in den jeweiligen Religionen für verschiedene Dinge: als Opfergabe, als Bitte um Schutz, als Dank für eine gute Ernte, zur Stärkung der Gemeinschaft, zur Feier religiöser Ereignisse oder der Wahrung religiöser Traditionen durch Einhaltung von Speisevorschriften.

Genaue Vorschriften
Im Judentum als älteste monotheistische Religion findet man die genauesten und strengsten Speisevorschriften, die Sakrales und Profanes am engsten miteinander verknüpfen. Das beginnt bei den koscheren Lebensmitteln, den getrennten Küchen und geht bis zu den Ritualen beim Abendessen am Schabbat oder beim Sederabend, dem Beginn des Pessach-Festes. Dazu kommt, dass die meisten jüdischen Feiertage mit bestimmten Speisen in Verbindung gebracht werden, wie der Karpfen zu Rosh Hashana, dem Neujahrsfest, oder die süßen Hamantaschen (die zu Gebäck gewordenen Ohren des intriganten, persischen Wesirs Haman) zu Purim. Diese sehr genauen, lange tradierten Vorschriften lassen sich auf die Jahrhunderte der jüdischen Diaspora zurückführen, als die Bräuche zur Wahrung der eigenen Identität intensiv gepflegt wurden, wie Katja Sindemann betont.
In diesem Zusammenhang kommt auch immer wieder die Frage aufs Tapet, weswegen der Genuss von Schweinefleisch verboten sei. Für die Religionswissenschafterin bieten sich mehrere Erklärungsansätze an. Von der Warte der Gesundheit sind es die Trichinen, die, weil der Organismus des Schweins dem des Menschen sehr ähnlich ist, dem Menschen gefährlich werden und gegen den Genuss eines Schweinskoteletts sprechen. Von religiöser Seite spricht viel dafür, dass die Israeliten, nach 40 Jahren Wanderschaft endlich in Kanaan angekommen, sich maßgeblich von den ihnen umgebenden Völkern und deren Religionen, in denen das Schwein Kultstatus hatte, abheben wollten und daher das Verbot rührt.

Interessanterweise ist in dieser Frage der Islam dem Judentum gefolgt, wenn auch mit der Begründung, dass das Borstentier ohne Schweißdrüsen wegen des daher notwendigen Suhlens in Wasserlöchern diese lebensnotwendigen Oasen verschmutzen würde. Auch beim Schächten der Tiere und anderen Vorschriften ähneln sich diese beiden Religionen. Wohingegen bei der leidigen Frage des Alkoholgenusses das Christentum sich wiederum solidarisch an den jüdischen Gebräuchen orientiert. Wobei erwähnt werden sollte, dass die Alkoholfrage im Islam seit Jahrhunderten sehr kontrovers diskutiert wird. Es steht im Koran, dass das Trinken von Wein, also dem Saft der Weintrauben, verboten ist, aber ebenfalls vergorene, alkoholhältige Fruchtsäfte, meist aus Datteln, nicht diesem Verbot unterliegen.

Rigorose Interpretationen
Außerdem berichten mittelalterliche Schriften und Lieder vornehmlich aus Persien von handfesten Trinkgelagen. Doch ab dem 14. Jahrhundert wurden die Gelehrten rigoroser in der Interpretation des Korans und legten das Alkoholverbot als grundsätzliches Verbot des Rauschs aus und daher sind ohne Ausnahme alle Alkoholika verboten. Und das, obwohl deren Wortstamm aus dem Arabischen kommt (al-kuhl bedeutet geistige Essenz).

Fasten, Wiedergeburt, Opfer
Wie bereits erwähnt, orientiert sich die Küche des Islam nur selten an Feiertagen und ist aufgrund seiner globalen Ausbreitung überaus mannigfaltig. So variieren die Suppen, die im Fastenmonat Ramadan abends nach dem Fastenbrechen mit einer Dattel verzehrt werden, von Marokko bis Palästina erheblich.

In Bezug auf das Fasten, also beim Verzicht auf Nahrung zur persönlichen, körperlichen Reinigung, sind Parallelen zwischen Muslime, Christen, Hindus und Buddhisten leicht zu erkennen. Wobei im Judentum das Fasten nur am Versöhnungstag Jom Kippur ein religiöses Gebot darstellt. Im Hinduismus und Buddhismus hingegen ist das Fasten, die Disziplinierung und Askese, ein wesentlicher Bestandteil auf dem Weg aus dem Wiedergeburtskreislauf. Um aus diesem gedanklich fest verankerten "Und täglich grüßt das Murmeltier"-Kreislauf heraus zu kommen, sind die Speisen dieser Religionen sehr stark auf das persönliche Wohlbefinden des einzelnen Menschen ausgerichtet. Die Nahrung ist dazu da, den Körper zu unterstützen und sollte im Idealfall individuell auf die Person zugeschnitten sein.
Das Christentum trennte seit dem missionarischen Wirken des Apostel Paulus konsequent sakrale und profane Speiseriten. Zwar wird noch immer häufig im Privaten vor dem Essen ein Gebet gesprochen und bestimmte Speisen kommen fast nur zu den heiligen Zeiten auf den Tisch (wie Osterschinken, gebackenes Osterlamm, Weihnachtskarpfen oder das "Weihfleisch"), aber das Sakrale spielt sich in den Kirchen ab. Wobei die liturgische Wortwahl des Christentums sehr stark mit Essen, Trinken, Speisen und Nahrung zu tun hat. Jesus Christus als Lamm Gottes, das bei der Kommunion in Form einer Hostie verspeist wird und dessen Blut nach der Wandlung zu Wein wird – als Gedenken an das Letzte Abendmahl. Womit sich der Bogen zu den Lämmern und Schafen für das Opferfest schließt.

Das neue Buch der Autorin und Regisseurin Katja Sindemann beleuchtet die Speisegesetze, Fastenregeln und Nahrungsvorschriften der fünf Weltreligionen. In den sehr gut recherchierten und informativen Kapiteln zu Geschichte, Entstehung und Hintergründen der göttlichen Kulinarik der einzelnen Religionen geht die Historikerin und Religionswissenschafterin sowohl auf die (Auseinander-)Entwicklungen als auch auf die Parallelen und Gemeinsamkeiten ein, die sich in der Essenskultur erhalten haben.

"Götterspeisen", von Katja Sindemann, Metroverlag Wien, 192 Seiten, 2010.

Autor: Von Christoph Habres
Quelel: www.wienerzeitung.at