16.03.2011, MAINZ:
Wer kommt, hat Mut. Traut sich zu, für sieben Wochen Veränderungen zuzulassen in seinem Leben: Etwas weglassen, was nervt, oder Neues ausprobieren – das ist die Devise bei der Fasten-Aktion, zu der die Allgemeine Zeitung zusammen mit der evangelischen und der katholischen Kirche einlädt.

Und es ist eine große Gruppe, die sich zum ersten After-Work-Fasten-Imbiss am Rheinufer trifft. Rund 50 Männer und Frauen, die sich gemeinsam auf den Weg machen wollen! „Wir werden sieben Wochen echtem Leben auf der Spur sein, uns sieben Wochen ein Stückchen Freiheit von alten Gewohnheiten nehmen“, verspricht Pastoralreferentin Maria Grittner-Wittig, die das ökumenische Projekt gemeinsam mit Stadtkirchenpfarrerin Isabel Hartmann organisiert.

„Das Geschenk der Blindheit“

Und dann geht es los. Ein kleiner Marsch, der den Mit-Fastenden die Gelegenheit gibt, sich auszutauschen – wie schwer fällt der Verzicht auf Süßigkeiten, auf Alkohol, auf Fernsehen? Am Ende des Weges, in der Karmeliterkirche, „outet“ sich dann der Überraschungsgast: Leonhardt Bufler, 23 Jahre alt. Leonhardt Bufler ist mit dem Verzicht vertraut – seit seiner Geburt muss er ohne sein Augenlicht auskommen. Ohne Pathos, aber sehr eindringlich berichtet Bufler im Gespräch mit Isabel Hartmann, wie das ist: Hell und Dunkel wahrnehmen zu können, nicht aber Farben, Gesichter, die Mimik anderer Menschen.

Und doch sieht sich der junge Mann, der sich auf dem Lerchenberg zum Physiotherapeuten ausbilden lässt, auch beschenkt. „Das Geschenk der Blindheit“, sagt er, „ist die Möglichkeit, urteilsfrei auf Menschen zuzugehen.“ Er berichtet mit der Begegnung mit einer jungen Patientin, die sehr unter ihrem vermeintlich entstellten Körper litt. „Sie war so angespannt, dass selbst ich es kaum ertragen konnte“, erzählt Bufler. Doch als die Frau erfuhr, dass ihr Therapeut sie nicht sehen konnte, entspannte sie sich, konnte die Behandlung als „Wohltat“ erleben. „Das war eine sehr bereichernde Begegnung“, sagt Bufler. „Es kommt zu einer großen Offenheit, wenn Menschen merken, dass Äußerlichkeiten keine Gültigkeit haben für mich.“ Den Fastenden gibt er mit auf den Weg: „Gehen Sie vorurteilsfrei auf die Menschen zu, mit offenen Augen und weiten Herzen.“

Autor: Kirsten Strasser www.allgemeine-zeitung.de