Berlin: Zwei neue Lehrstühle für Naturheilverfahren geplant.


AP Frankfurt, 12.12.08 - Die Abneigung beruht auf Gegenseitigkeit: Viele Vertreter von Schulmedizin und Naturheilverfahren teilen ein tief verwurzeltes Misstrauen zueinander. «Opfer dieser Polarisierung sind die Patienten», sagt Stefan Willich, Leiter des Instituts für Sozialmedizin der Berliner Charité. «Sie müssen sich meist zwischen konventioneller Medizin und Alternativverfahren entscheiden.»

Es ist eine Wahl zwischen einer zwar oft sehr effektiven Methode, die aber viele Patienten als seelenlose Gerätemedizin und bloßes Symptomkurieren empfinden, und vermeintlich ganzheitlichen Ansätzen, für deren Wirksamkeit meist jeglicher Nachweis fehlt - und deren Kosten die Patienten in der Regel aus eigener Tasche tragen müssen.

Leidtragende des Konflikts sind vor allem jene Menschen, die an chronischen Krankheiten leiden und jahrelang Medikamente schlucken, welche mitunter schwere Nebeneffekte hervorrufen. Gustav Dobos, Leiter der Abteilung Naturheilkunde und Integrative Medizin an den Kliniken Essen-Mitte, spricht von «Drehtür-Patienten», die gefangen sind in einem Teufelskreis von Krankheiten, Medikamenten und Nebenwirkungen. So sterben an den Nebenwirkungen nichtsteroidaler Antirheumatika (NSAID) allein in den USA jährlich schätzungsweise 16.500 Menschen.


Heilfasten gegen Migräne

Als weiteres Beispiel nennt Dobos den Einsatz von Triptanen gegen Migräne. Zwar helfen diese Schmerzmittel vielen Menschen, aber die regelmäßige Einnahme kann mit der Zeit eine Häufung der Kopfschmerzattacken begünstigen. «Man darf maximal zehn Dosierungen pro Monat nehmen», erläutert Dobos. «Irgendwann sind die Steigerungsmöglichkeiten erschöpft.» Gerade diesen Patienten rät Dobos, andere Ansätze auszuprobieren, etwa Heilfasten oder regelmäßige Entspannungsübungen wie Tai Chi, Yoga oder progressive Muskelentspannung.

Noch vor wenigen Jahren erntete der Internist mit solchen Ratschlägen in seiner eigenen Zunft Unverständnis. Inzwischen bitten ihn ratlose Kollegen häufig um seine Meinung. Auch Willich beobachtet ein Umdenken unter Schul- wie auch Komplementärmedizinern. «Die Lagerbildung weicht allmählich auf», sagt er. «Es gibt auf beiden Seiten Interesse daran, aufeinander zuzugehen.»

Dazu tragen dem Internisten zufolge vor allem zwei Entwicklungen bei: «Die Ärzte werden offener», sagt er. «Sie erkennen die Grenzen bestimmter Therapieansätze gerade bei chronisch-kranken Patienten, denen die Schulmedizin nicht so helfen kann, wie sie gerne möchte.» Zusätzlich belegen inzwischen etliche Studien, dass manche Alternativverfahren tatsächlich wirksam sind. Willich verweist vor allem auf die Akupunktur, die gegen Schmerzen im Rücken und Knie nachweislich bessere Erfolge hat als die konventionelle Behandlung - auch wenn niemand schlüssig erklären kann, worauf dieser Effekt beruht.


«Selbstheilungskräfte aktivieren»

Dass die integrative Medizin - also die Kombination von Schulmedizin und alternativen Heilverfahren - sinnvoll sein kann, beschreibt Dobos in seinem gerade erschienen Buch «Die Selbstheilungskräfte aktivieren!». Darin bemängelt der Arzt, die konventionelle Medizin blicke zu sehr auf die krank machenden Prozesse und vernachlässige es, die Ressourcen des Körpers zur Selbstheilung zur nutzen. Vor allem regelmäßige Entspannungsübungen gegen chronischen Stress, eine gesunde Ernährung und viel Bewegung seien wichtig für die Prävention und Therapie vieler Erkrankungen.

Komplementärverfahren werden seit einiger Zeit auch an der Berliner Charité vermehrt genutzt. So bietet die Charité Ambulanz für Prävention und Integrative Medizin (CHAMP) auf den Stationen Hilfe an, wenn die dortigen Ärzte nicht mehr weiterwissen. «Wenn die Schulmedizin ausgereizt ist, lohnt es sich, auf die Alternativen zu schauen», sagt Willich. «Wir beraten und behandeln unter Einschluss komplementärmedizinischer Therapien.»

Eine wissenschaftliche Begleitung soll dabei klären, welches Vorgehen am besten hilft. «Man muss sehr kritisch sein, denn für die meisten Verfahren gibt es keine oder keine ausreichende Evidenz», sagt Willich.


Zwei neue Lehrstühle für Naturheilverfahren

In der Praxis erweist sich die strikte Trennung zwischen vermeintlich effektiven und nutzlosen Ansätzen jedoch als schwierig. Denn oft bleibt bei einem Patienten wirkungslos, was seinem Nachbarn geholfen hat. Diese individuellen Unterschiede erschweren es, aus den verschiedenen Ansätzen die wirksamsten herauszufiltern. «Wenn jemand gut auf Entspannungstechniken reagiert, wäre es ein Versäumnis, das nicht zu aktivieren - auch wenn ein anderer Patient darauf nicht anspricht», sagt Willich. Letztlich gelte es herauszufinden, welcher Mensch von welchem Verfahren profitiere.

Die Charité will noch in diesem Jahr zusätzlich zur bereits vorhandenen Professur für Komplementärmedizin zwei Lehrstühle für Naturheilverfahren einrichten. «Die Kombination von Schul- und Komplementärmedizin ist eindeutig sinnvoll», sagt Willich. «Zum Wohle des Patienten müssen wir interdisziplinäre Angebote machen. Das wird die medizinische Versorgung verbessern.»

Quelle: http://www.net-tribune.de/article/121208-75.php